REHA NACH VORDERER KREUZBANDPLASTIK IN ALL-INSIDE-TECHNIK MIT AUTOLOGER SEMITENDINOSUSSEHNE

1. Allgemeine Informationen:

Die operative Rekonstruktion ihres gerissenen vorderen Kreuzbandes (VKB) erfolgt in der Regel als vordere Kreuzbandersatzplastik in der all-inside-Technik. Dieses Verfahren steht seit Ende der 1990er Jahre zur Verfügung. Die Vorteile dieser Technik sind die bessere Positionierbarkeit des Transplantates und der kürzere knöcherne Bohrkanal.

Als Ersatz für das vordere Kreuzband wurde ihre körpereigene Semitendinosussehne, manchmal auch zusätzlich die Gracilissehne (Sehnen an der Innen-/Rückseite des Oberschenkels/Knies), verwendet.

Diese Sehne wurde als Vierfach-Strang präpariert und über zwei ACL TightRopes (Fadenzugsystem mit Titanplättchen) am Schienbeinkopf und am Oberschenkelknochen befestigt.

Je nach Situation (z.B. bei Revisionseingriffen) kann die Fixierung am Unterschenkel auch durch eine bioresorbierbare Schraube und einen Endobutton erfolgen.

Genauso können in Ausnahmefällen auch Teile der Patella- oder Quadrizepssehne als Transplantat hergenommen werden.

In jedem Fall braucht das Sehnentransplantat jedoch 12 Wochen, um festeinzuwachsen. Für die ersten Wochen muss auf Grund der gelenkfernen Verankerung zur Sicherung der Einheilung eine bewegliche Knieorthese (z.B. Medi M.4s, Bauerfeind SecuTec Genu)  am Tag getragen werden. Außerdem sollten sie deswegen in den ersten zwölf Wochen kein unkontrolliertes Krafttraining für das operierte Bein durchführen und Lauftraining erst ab der 17. Woche postoperativ beginnen. Während des stationären Aufenthaltes werden Ihnen Übungen gezeigt, die Sie selbstständig durchführen können. Zudem sollte Krankengymnastik und in den ersten Wochen postoperativ zur besseren Abschwellung ggf. Lymphdrainage durchgeführt werden, insbesondere wenn Sie Schwierigkeiten haben, in die volle Streckung zu kommen.

In der ersten Woche können Sie das operierte Bein beschwerdeabhängig teilbelasten (ca. 20-30kg). Dies ist nur mit zwei Krücken möglich (nicht mit nur einer!). Sobald Sie eine annähernd volle Streckfähigkeit im operierten Knie erreicht haben, können Sie innerhalb der nächsten Tage zunehmend mehr belasten und die Krücken weglassen, sobald Sie sicher gehen können.

Beweglichkeit: Der wichtigste Aspekt der Rehabilitation ist die gute Streckfähigkeit des operierten Knies. Direkt nach der Operation sollte eine seitengleiche Streckung beider Knie angestrebt werden. Dies sollte nie mit „Gewalt“ erreicht werden, sondern durch passive Lagerung. Sie sollten ab dem Tag der Operation jede Stunde für 10 Minuten im Liegen ein gerolltes Handtuch unter die Ferse des operierten Beines legen, damit das Knie durchhängen kann. Versuchen Sie auch möglichst oft beim Sitzen die Ferse des operierten Beines auf einen zweiten Stuhl zu lagern, um den gleichen Effekt zu erzielen. 

Schienen: In den ersten 6 Wochen muss zur Sicherung der Einheilung auf Grund der gelenkfernen Verankerung eine bewegliche Knie-Rahmen-Orthese (z.B. Medi M.4s) mit einer limitierten Beugung auf 90° getragen werden. 

Thrombosevorbeugung: Der wichtigste Schutz vor einer Thrombose ist Bewegung. Um einer Thrombose vorzubeugen, sollten Sie bereits in den ersten Tagen nach der Operation möglichst mobil sein. Am operierten Bein sollten Sie am OPTag bereits selbständig intensive Bewegungen im Sprunggelenk durchführen, um die Wadenmuskulatur zu beüben. Die NM-Heparin-Fertigspritzen sollten Sie sich täglich zur gleichen Uhrzeit geben. Diese Injektionen sind notwendig, solange Sie nicht ausreichend mobil sind, d. h. in der Regel ein bis zwei Wochen. Fragen Sie im Zweifelsfall Ihren weiterbehandelnden Arzt, ob Sie die Injektionen beenden können.

Wärme: Vermeiden Sie in den ersten zwei Wochen Wärmeeinwirkung auf das Knie (keine Sauna, keine übermäßige Sonnenbestrahlung), da es sonst zu einer Schwellung kommen kann.

Wundkontrollen: Bis zum Entfernen der Hautklammern oder -fäden am 14. Tag nach der Operation sollte ca. jeden 3. Tag eine Wundkontrolle durch uns oder den weiterbehandelnden Arzt durchgeführt werden. Sie sollten bis zur Klammern-/Fadenentfernung möglichst kein Wasser auf die Wunde bringen, da sonst Infektionsgefahr besteht. Sie können zum Duschen in dieser Zeit wasserdichtes Pflaster verwenden, sollten dieses jedoch nach dem Duschen wieder gegen ein luftdurchlässiges Pflaster austauschen, um die Wundheilung nicht zu stören.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass es in den ersten Tagen nach der Operation zu einem Kniegelenkserguss kommt, entweder durch eine leichte Blutung oder durch vermehrte Bildung von Kniegelenksflüssigkeit. Solange dieser Erguss nicht die Beweglichkeit einschränkt, muss er nicht unbedingt entfernt werden. Sollte es jedoch durch diesen Erguss zu Schmerzen kommen oder zu einer Bewegungseinschränkung, sollte unbedingt eine Kontrolle durch uns oder durch einen weiterbehandelnden Kollegen durchgeführt werden. Eventuell sind eine Punktion oder auch Lymphdrainagen notwendig.

Sollten Sie Fieber bekommen (über 38°C), so setzen Sie sich bitte umgehend mit Ihrem behandelnden Arzt oder mit uns in Verbindung. Der Hautschnitt unterhalb des Knies ist zwar relativ klein, die Sehne wurden jedoch mit einem langen Instrument, welches bis zum Oberschenkel reicht, entnommen – deswegen entwickelt sich manchmal an der Oberschenkelinnenseite ein Bluterguss, welcher folgenlos abheilt.

Kontrolluntersuchungen bei uns sind nach 4-6 Wochen vorgesehen, sofern keine seitengleiche Streckfähigkeit besteht oder die Beugung bis 90° nicht möglich ist. Bitte vereinbaren Sie dann einen Termin.

Sport: In den ersten zwölf Wochen muss das neue Band erst einwachsen. Sie sollten in dieser Zeit deswegen keinen Muskelaufbau an Kraftmaschinen durchführen oder gegen Widerstand Rad fahren. Es besteht sonst die Gefahr, dass das neue Kreuzband nicht fest einwächst. Ab dem OP- Tag können Sie selbstverständlich Krafttraining mit dem nicht operierten Bein, Rumpf und Armen durchführen. Falls Sie zwischen der 6. und 12. Woche etwas für Ihre Muskeln tun wollen:

gehen Sie spazieren, arbeiten mit geringem Widerstand auf einem Stair-Master oder gehen im brusttiefen Wasser spazieren. Radfahren können Sie ab der 13. Woche, Joggen ab der 17. Woche – halten Sie sich jedoch bitte an unseren Laufplan. Risikosportarten wie Ballspiele oder Skifahren sollten Sie frühestens nach 10 Monaten durchführen.
Ein Wettkampf-Spiel sollten Sie erst dann durchführen, wenn Sie zwei volle Spiel-Trainingseinheiten problemlos absolviert haben.

2. Medizinischer Hintergrund

Das vordere Kreuzband verhindert das nach vorne Gleiten des Unterschenkels gegen den Oberschenkel (Hemmung der anterioren tibialen Translation). Zudem leistet es einen Beitrag zur Hemmung der Verdrehung (Innenrotation) in strecknaher Position. Bei einem insuffizienten VKB kommt es daher zu einer Instabilität mit pathologischer Gelenkkinematik, durch die eine veränderte Drucksituation im Gelenk entsteht, die letztlich die Entstehung der frühen Arthrose fördert. Somit ist das Ziel der vorderen Kreuzbandersatzplastik durch eine möglichst anatomische Platzierung und eine stabile Verankerung die anteriore Translation und die vermehrte Innenrotation zur hemmen. (Translations- und Rotationsstabilisierung).

Zu den biologischen Eigenschaften des vorderen Kreuzbandes gehört unter anderem seine Ausreißkraft. Als Ersatz des vorderen Kreuzbandes wurde in der Regel ein Vierfachstrang aus der Semitendinosussehne verwendet.
Dieses Transplantat hat eine maximale Reißfestigkeit von ca. 2500 N und übertrifft somit die Ausreißkraft eines intakten VKB (ca. 1800 N)
Die Verankerung erfolgt in der all-inside-Technik sowohl femoral als auch tibial extrakortikal über ein ACL TightRope mit einem Endobutton (Titanplättchen). Diese gelenkferne Verankerung besitzt eine maximale Ausreißkraft von 520-1360N und stellt somit die schwächste Stelle dar.

Die Alltagsbewegungen entsprechen ca. 150 N beim Gehen auf der Ebene und ca. 450 N treppab. Joggen belastet das Transplantat mit über 450 N und sollte deswegen in den ersten 16 Wochen nicht durchgeführt werden. Radfahren (auch unbelastet) bringt bei 90° Flexion Zugkräfte auf die femorale Verankerung und sollte deswegen auch in den ersten 12 Wochen nicht durchgeführt werden.

Zudem birgt die gelenkferne Verankerung das Risiko von Mikrobewegungen, die die Einheilung des Transplantates negativ beeinflussen. Daher ist für die erste Zeit (in der Regel 6 Wochen) eine Unterstützung der Primärstabilität durch eine Knieorthese notwendig. Erst die Knochen-Sehnenheilung, also das Einwachsen der Sehne in den Knochenkanal, das bis zu 12 Wochen bei verwendeten Hamstringsehnen dauert, erzielt dann die endgültige Stabilität.

Für die Reha ist zu berücksichtigen, dass

• wegen der großen Standardabweichung die Belastbarkeitsgrenze nicht eindeutig zu definieren ist.
• das Transplantat erst ab  ca.  Ende der 12. post-op. Woche eingewachsen ist.
• das Transplantat erst wieder revaskularisiert werden muss und deswegen Umbauvorgänge stattfinden, die erst nach ca. 10 Monaten abgeschlossen sind.
• repetitive zyklische Belastungen zu einer langsamen Lockerung führen können. (Deswegen kein Rad fahren in den ersten 12 Wochen)

Eine CPM-Schiene oder CAM-Schiene sind nicht notwendig.

3. Reha-Plan:

Phase 1:Akut-/Entzündungsphase sowie Beginn der Proliferationsphase (0-2 Wochen)

Am Tag der Operation:

• Knie in 0°- Streckung lagern
• Aktives Anheben des Beines in Streckstellung
• Aufstehen mit Teilbelastung ca. 20 – 30 kg
• NSAR (Schmerzmittel) oral bei Bedarf
• Antithrombosespritzen 1x täglich (ca. 1-2 Woche bis zur Vollbelastung)

Ab 1. Tag nach Operation:
• Entfernung der Redondrainagen ,Verbandswechsel
• Anlegen einer Knieorthese E/F 0-0-90°
• Kühlen (z.B. kaltes Wasser in Plastiktüte) mehrmals am Tag (nicht zu kalt! – nicht „erfrieren“)
• Aktives Anheben des Beines in Streckstellung 0° (Quadrizeps-Aktivierung)
• Mobilisation mit 2 Unterarmgehstützen: Aufstehen und Gehen mit Teilbelastung, Treppensteigen

Ziele Ende 1.- 2. Woche:
Schwellung- und Schmerzreduktion, Belastung ohne Gehstöcke
• Zunehmende Belastung, kontrolliertes Gehen
• Volle Streckung trainieren
• Zunehmend passive und aktive Beugung bis Schmerzgrenze/max. 90°
• Treppensteigen ohne Gehstützen, wenn muskulär stabilisiert
• Klammern-/Fadenentfernung 12. – 14. Tag
• Thromboseprophylaxe kann bei Vollbelastung beendet werden

Phase 2: Proliferationsphase und Beginn der Remodellierungsphase (2-6 Wochen)

Ziele Woche 2-6:
Normalisierung der Beweglichkeit, Verbesserung der neuromuskulären Kontrolle

• Beschwerdefreies und hinkfreies Gehen
• Volle Streckfähigkeit, zunehmende Beugung bis 90°
• Koordinations-/ Gleichgewichtstraining (Cokontraktionen, z.B. Posturomed-Trainingsplattform)
• Anbahnung, Förderung und Stabilisierung von Gang-Bewegungsmustern (geschlossene kinetische Kette)

Phase 3: Remodellierungsphase (ab der 7. Woche)

Ziele Woche 7-12: (Aufbauphase):
Normalisierung der Alltagsmotorik, Kraftaufbau, Verbesserung der Propriozeption und Stabilität

Steigerung von aktiven Übungen und Beugung über 90° schmerzadaptiert
Balancetraining

Ab 13. Woche: (fortgeschrittene Rehaphase)

Fahrrad fahren mit zunehmendem Widerstand, Crosstrainer,
Schwimmen im Kraulschlag

Ab 17. Woche:

Beginn mit Krafttraining
Lauftraining bei Bedarf:
Laufen Sie möglichst nur auf ebenem Boden – am besten auf einer 400m- Laufbahn oder im Winter in einer großen Sporthalle. Falls Sie auf einem Rundkurs sind, so laufen Sie bitte abwechselnd in beide Richtungen. Eine genaue Anleitung zum Lauftraining finden Sie verlinkt auf unsere Homepage unter „Graduierte Laufrehabilitation

Ab 7. Monat nach Operation: (Return to Sport)

Sportartspezifisches Training
Wiederaufnahme von Kontaktsport

Ab 11. Monat nach Operation:

Wettkampfbelastung im Ballsport, Kontaktsport und Skifahren. Voraussetzung für eine Belastung im Risikosport: freie Kniegelenksbeweglichkeit, Beschwerdefreiheit, stabiles Vorderes Kreuzband, seitengleicher Muskelumfang des Oberschenkels und der Wade, keine Valgusabweichung in der Einbeinkniebeuge (im Zweifelsfall mit betreuendem Arzt besprechen).

Bei zusätzlichen Verletzungen und/oder operativen Maßnahmen erfolgt die Reha nach individuell im OP-Bericht festgelegtem Schema!

• Meniskusnaht und Refixation
• Knochen-/Knorpelverletzung
• Innenbandriss, Außenbandriss
• Revisionseingriff (je nach intraop. Fixierung)
• Patellaluxation

Weitere Links auf unserer Homepage:

Trainingsprogamm zur Vorbeugung von Kreuzbandrissen
Graduiertes Lauftraining

Stand: März 2026